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Lebenswelten Lichtenberg Ausstellung Lichtenberg entdeckt die Hauptstadt der Welt

4.1.3 Reise-Anmerkungen

Georg Christoph Lichtenberg, Reise-Anmerkungen, Abendlicher Spaziergang Lichtenbergs im Hyde Park, 15. April 1775

Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen

Georg Christoph Lichtenberg, Reise-Anmerkungen, Lichtenberg’s evening walk in Hyde Park, 15 April 1775

Göttingen State and University Library


Den 15 April, als am Sonnabend vor Ostern gieng [ich] des Abends nach dem Thee, es mochte etwa ¾ auf sieben seyn in Hyde Park spaziren, der Mond war eben auf gegangen, voll und schien über Westmünsters Abtey her, Die Feyerlichkeit des Abends vor einem solchen Tag machte, daß ich meinen Lieblingsbetrachtungen mit wollüstiger Schwermuth nachhieng. Ich schlenderte hierauf Piccadilly und den Heumarckt hinunter nach whitehall theils die Statüe Carls des ersten wieder gegen den hellen westlichen Himmel zu betrachten, und theils beym MondLicht mich meinen Betrachtungen bey dem Banquetting Hauß zu überlassen, dem Haus aus welchem durch ein Fenster Carl der erste auf das Schaffot trat. Hier fügte sichs, daß [mir] einer von den Leuten begegnete, die sich bey den Orgelmachern Orgeln miethen davon zu weilen eine 40 bis 50 Pfund Sterling kostet und damit des Tags sowohl als des Abends auf den Strasen herumziehen, und so lange im gehen spielen bis sie irgend jemand anruft, und sie für ein Sixpence ihr Stück durchspielen läßt. Die Orgel war gut, und ich folgte ihm langsam, auf den Fußbäncken, er selbst gieng mitten auf der Strase. Auf einmal fieng er an den vortrefflichen Choral: In allen meinen Thaten zu spielen, so melancholisch, so meiner damaligen Verfassung angemessen daß mich ein unbeschreiblich andächtiger Schauer überlief. Ich dachte da im Monden Licht und unter dem freyen Himmel an meine entfernten Freunde zurück, meine Leiden wurden mir erträglich und verschwanden gantz. Wir waren auf 200 Schritte über dem berühmten Banquetting Hauß weg. Ich rief dem Kerl zu und führte ihn näher nach dem Hauß, wo ich ihn das herrliche Lied spielen ließ. Ich konte mich nicht enthalten für mich die Worte leise dazu zu singen. Hast du es denn beschlossen, so will ich unverdrossen an mein Verhängniß gehn. Vor mir lag das Majestätische Gebäude vom vollen Monde erleuchtet, es war Abend vor Ostern, (der Tod des Mittlers – ) Hier zu diesem Fenster stieg Carl heraus um die vergängliche Crone mit der unvergänglichen zu vertauschen. Gott was ist weltliche Gröse. Ich habe nunmehr glaube ich, genug gesagt um künfftig diese Gedancken weiter ausführen zu können.

On the 15th of April on the Saturday before Easter, I went for a walk in Hyde Park in the evening after tea, about 3/4 past seven o’clock. The moon had just come up, full and shining brightly upon Westminster Abbey. The solemnity of the evening before such a day made me muse about my favourite observations with sensual melancholy. I strolled along Piccadilly and Haymarket down to Whitehall, in part to examine the statue of Charles I again against the bright western sky and in part to abandon myself to my observations in the moonlight at the Banqueting House, where Charles I had stepped from the window onto the scaffold.  It happened that I encountered here one of the people who rent an organ from the organ makers for a while at 40 to 50 pounds sterling and walk through the streets during the day and in the evening playing until they attract someone who will allow them to play their entire piece for a sixpence. The organ was good, and I followed him slowly along the footway; he himself walked down the middle of the street. Suddenly he started to play the magnificent chorale, In All My Deeds, with such melancholy, so in harmony with my constitution at the time, that an indescribable, devout chill passed over me. I thought back to my distant friends there in the moonlight under the clear sky; my sorrows became bearable to me and disappeared completely. We were 200 steps away from the famous Banqueting House. I called to the fellow and led him nearer to the House, where I had him play the exquisite song. I could not resist singing the words to myself softly. Hast thou deemed it so, I shall go untroubled to my fate. Before me was the majestic building illuminated by the full moon; it was the evening before Easter (the death of the messenger – ). Charles I climbed from this window to exchange the perishable crown with the imperishable. God, what is worldly greatness. I believe I have said enough to be able to carry these thoughts further in the future.